Wir sterben hier in eurer Welt

Heute ist ein ganz normaler Tag in einem ganz normalen Jahr. Es wird wieder einen Lockdown geben. Die Pressekonferenz beginnt um kurz nach 10. Wir wissen jetzt schon, wie das sein wird. Die Regierung verkündet neue Maßnahmen, die einen werden sich entrüsten, dass die anderen noch nicht geimpft sind, die anderen werden sich zu spontanen Demos verabreden, weil sie ja jetzt vermeintlich in einer Diktatur leben und wir gefälligst ihre Ängste ernstzunehmen haben. Irgendwo zwischen all der Empörung und dem Geschrei wird die Nachricht untergehen, dass ein Mann seine Frau getötet hat. Heute ist ein ganz normaler Tag in einem ganz normalen Jahr.

17.01.2021, Aschach an der Steier: Ein Mann tötet seine Ehefrau im gemeinsamen Wohnhaus mit einem Messer. Motiv: Hass

17.01.2021, Anger bei Weiz, Steiermark: Mann erschießt seine Ehefrau im gemeinsamen Wohnhaus mit einer Faustfeuerwaffe und tötet sich anschließend selbst.

03.02.2021, Wien: Ein Mann ersticht seine Ehefrau.

23.02.2021, Wien: Ein Mann ersticht seine Lebensgefährtin in ihrer Wohnung.

Rund 1.500 Menschen versammeln sich am Abend zu einer Spontandemo gegen die Coronamaßnahmen. „Freiheit“ rufen sie laut. Wieder. Und wieder. Und wieder. Laut und immer noch lauter, dass es einem eiskalt den Buckel hinunterläuft. Aber ja, wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder alles sagen darf.

Wir leben auch in einer Gesellschaft, die aufgehört hat zu fragen. Zu fragen, wer hier überhaupt noch gehört wird. Denn in all dem Gebrüll um den heißen Brei herum verstummen die Schreie der Opfer. Wieder. Und wieder. Und wieder. In meiner Heimatstadt ist heute eine Frau ermordet worden. Es ist die 27. Frau in Österreich in diesem Jahr.

22.03.2021, Schallmoos: Ein Mann ersticht seine Ex-Lebensgefährtin in ihrer gemeinsamen Wohnung.

05.03.2021, Wien: Mann verübt einen Brandanschlag auf die Trafik seiner Ex-Partnerin. Sie erliegt einen Monat später ihren lebensgefährlichen Verletzungen.

07.04.2021, Graz: Ein Mann ersticht seine Frau in der gemeinsamen Wohnung.

22.04.2021, Neulengbach: Ein Mann steht unter Verdacht, seine Frau in der gemeinsamen Wohnungmit Schlägen und Messerstichen getötet zu haben.

Heute ist also ein ganz normaler Tag in einem ganz normalen Jahr. Ein Mord reiht sich ein in eine Reihe von Morden reiht sich ein in eine traurige Litanei der Gewalt gegen Frauen, die sich seit vielen Generationen in unsere Lebensrealität eingeschweißt hat. So sehr, dass wir sie nicht mehr sehen. Dass wir uns nicht mehr empören. Dass wir nicht zuhören, weil dies die unangenehme Wahrheit ans Licht fördern könnte: Ein Mord ist nicht einfach nur ein Mord.

29.04.2021, Wien: Ein Mann erschießt unter Alkoholeinfluss seine Ex-Lebensgefährtin in ihrer Wohnung.

05.05.2021, Wien: Ein Mann erschießt zuerst seine Frau, dann sich selbst in der gemeinsamen Wohnung.

06.05.2021, Wals-Siezenheim: Ein Mann erschießt seine ehemalige Lebensgefährtin und ihre Mutter in deren Haus

11.05.2021, Vöcklabruck: Ein Mann erschießt ein Mann erschießt zuerst seine Frau, dann sich selbst auf einem Parkplatz.

Um diese unangenehme Wahrheit tapsen wir auf Zehenspitzen herum, viel zu schwierig scheint es zu sein, die Sache in ihrem Kern zu erkunden. Dabei wäre es so einfach, würde es uns um die Opfer und deren Schutz gehen. Und nicht nur um die Frage, woher die Täter stammen. Würden wir die Namen der Opfer in unseren Herzen wiederklingen lassen, ihnen ein Gesicht geben, sie als unsere Mütter, Schwestern und Töchter sehen, anstatt zu fordern, dass die Täter beim Namen genannt werden, damit hier auch sicher nichts vertuscht wird. Denn weniger als einen Namen hat Gewalt vor allem ein Geschlecht, aber zur Besänftigung all jener Egos, die sich durch diese Wahrheit angetatscht fühlen könnten, verschweigen wir diese Wahrheit lieber systematisch. So distanziert sich die Gesellschaft von diesen Gewalttaten. Und damit auch von den Opfern dieser Gewalttaten. Wieder. Und wieder. Und wieder.

12.05.2021, Wien: Frau mit Halsverletzungen in Wohnung aufgefunden.

26.06.2021, Wien: Mehrere Tatverdächtige haben ein 13-jähriges Mädchen missbraucht und getötet.

16.07.2021, Wien: Frau bewusstlos in der Wohnung eines Mannes aufgefunden.

21.07.2021, Graz: Frau mit Halsverletzungen in Wohnung aufgefunden.

Dabei beginnt diese Gewalt an jedem ganz normalen Tag wie heute, an dem diese Muster reproduziert werden. Wieder. Und wieder. Und wieder. Sie beginnt da, wo Frauen in ihren Erfahrungswelten nicht ernst genommen werden, wo sie unterbrochen werden oder beschimpft und kleingeredet werden, wenn sie sich öffentlich äußern. Sie beginnt da, wo Männer sich ungefragt Kommentare über das Aussehen von Frauen erlauben. Sie beginnt da, wo Frauen als „Zicke“ bezeichnet werden, weil sie klare Grenzen ziehen. Und sie hört noch lange nicht auf, wenn Frauen klar und deutlich Nein sagen.

28.08.2021, Flachgau: Mehrere Tatverdächtige haben ein 13-jähriges Mädchen missbraucht und getötet.

30.08.2021, Maishofen: Frau bewusstlos in der Wohnung eines Mannes aufgefunden. 13.09.2021, Wien: Ein Mann ersticht seine Ex-Frau und seine neue Freundin.

20.10.2021, Deutsch-Brodersdorf: Ein Mann wird verdächtiogt, seine Lebensgefährtin erdrosselt zu haben.

Später am Abend gehe ich angewidert nach Hause, weil eine Gruppe von Männern sich mir und meinen Freundinnen gegenüber zu viel herausgenommen hat. Wieder. Und wieder. Und wieder. „Ist doch nicht so schlimm“, werden sie sagen und: „Reg dich nicht so darüber auf.“ Wieder. Und wieder. Und wieder. Und während die Grapscher und Beschimpfer, die Kleinreder, die Mundtotmacher und Belästiger sich immer noch wie die Krone der Schöpfung fühlen, frage ich mich dauernd, ob ich vielleicht hier oder da falsch reagiert habe, zu offenherzig war oder falsche Signale gesendet habe, ob ich früher eine Grenze hätte setzen sollen und wenn ja, wie. Wieder. Und wieder. Und wieder.

26.10.2021 Bürs: Mann würgt seine Frau, sie stirbt mehrere Tage später an ihren Verletzungen.

08.11.2021, Weerberg: Mann erschießt zuerst seine Frau, dann sich selbst im gemeinsamen Wohnhaus.

14.11.2021, Wien: Ein mann greift eine Frau und einen anderen Mann in einer Einrichtung für Wohnungslose mit einem Messer an. Die Frau verstirbt noch am Tatort.

16.11.2021, Villach: Ein Mann legt die Leiche einer Frau vor der Bezirkshauptmannschaft ab, die ist an den Folgen heftiger Gewalteinwirkung gestorben.

Was wäre gewesen, hätten wir den Opfern zugehört, hätten wir nicht getan, als wären sie traurige Einzelfälle, als würden sie vielleicht gar übertreiben. Was wäre gewesen, hätten wir ihre Ängste gesehen und anerkannt? Ihren Erfahrungen Glauben geschenkt, anstatt sie kleinzureden? Ihnen nicht das Gefühl gegeben, vielleicht auch ein wenig selbst schuld zu sein an allem und sich dafür schämen zu müssen. Was haben sie alles erleiden müssen, bis es zum Äußersten gekommen ist? Warum haben wir sie nicht gehört, nicht verstanden, nicht gerettet?

19.11.2021, Innsbruck: Ein Mann attackiert seine Frau in der gemeinsamen Wohnung mit einem Messer und verletz sie tödlich.

Wir leben in einer Welt, in der jeder alles sagen kann, das Wichtigste aber verschwiegen wird und viele kein Gehör finden. Eine Frau wurde ermordet. Hier, in meiner Heimatstadt. Es ist ein ganz normaler Tag in einem ganz normalen Jahr. Während andere draußen Freiheit schreien, müssen Frauen in den eigenen vier Wänden um ihr Leben fürchten. Und wollten wir die Opfer hören, dann würden sie uns sagen: Wir sterben hier, in eurer Welt.

 

Quelle: https://www.aoef.at/images/04a_zahlen-und-daten/Frauenmorde_2021_Liste-AOEF.pdf

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