Es ist verdammt hart normal zu sein

Dass man es als Frau oft schwer hat, das wissen wir bereits. Dauernd muss man  irgendeinem perfekt gephotoshopten Ideal nacheifern, das man – realistisch betrachtet – eh nie erreichen wird. So gesehen könnte man diese ganze Zeit und den Aufwand ja auch darauf verwenden, einfach mal mit sich zufrieden zu sein. Je älter ich werde, desto eher finde ich mich damit ab, einfach nur eine Durchschnittsfrau zu sein. Ist irgendwie entspannter. Dass es aber heutzutage verdammt hart ist, einfach nur als Otto-Normal-Vedrbraucherin (bitte wie gendert man das richtig? – Frieda-Normal-Verbraucherin?) durch die Welt zu rennen, merkt man spätestens beim Kosmetikeinkauf.

Meine Challenge zum Wochenende bestand darin, die Kosmetikprodukte auf folgender Liste zu besorgen:

  • Deo
  • Zahnpasta
  • Make-up
  • Tampons
  • Shampoo und Haarspray

Ich denke, allein meiner Einkaufsliste sieht man an, dass ich schlichtweg so etwas wie eine  lebende Monika Musterfrau bin. Da ist nun wirklich nichts dabei, was besonders ausgefallen wäre, im Gegenteil: So könnte die Einkaufsliste jeder x-beliebigen Frau aussehen. Und genau das wurde mir an diesem Samstagnachmittag zum Verhängnis (Spannungsaufbau eh schon wissen).

Ich also rein in den – nennen wir ihn der Neutralität halber Drogeriemarkt – um meine Liste abzuarbeiten. Im Folgenden eine Auflistung meiner Anforderungen an die jeweiligen Produkte und das, was ich dann vorgefunden habe.

  1. Deo: Meine Anforderungen: Ich habe keine Anforderungen an mein Deo, außer dass ich nicht nach einer Stunde rieche wie die Schlampe an der Lampe in dem Song „Mief“. Und, ach ja, eine Kleinigkeit ist da noch: Ohne Aluminium hätt‘ ich’s gern. Man hört da immer wieder so Sachen. Ob’s wirklich gefährlich ist, weiß man nicht, aber ich denk‘ mir eben, es kann nicht schaden, es zu vermeiden. Vor allem weil ja ohnehin zu viele Leute mit Aluhüten rumlaufen momentan – ich sag‘ nur Wahlbetrug und Zauberkuli. Muss nicht sein. Was noch vor einigen Monaten schwierig war, klappt jetzt ohne Probleme – die Industrie hat darauf reagiert und es gibt mehrere Deos ohne Aluminium zur Auswahl. In ein paar Monaten steh‘ ich dann wieder an, wenn herauskommt, was sonst für Schrott in den neuen Deos drin ist.
  2. Zahnpasta: Meine Anforderungen: Extra frisch soll sie sein und meine Zähne weiß machen (sofern auch das nicht nur ein Werbegag ist). Super, die erste Zahnpasta ist gefunden. Sie, Marke egal, heißt „White now“ und verspricht mir gar sofort weißere Zähne. Nicht mal 5 Millimeter weiter drunter erklärt sie mir aber auch, dass der „Sofort-Effekt zeitlich und optisch begrenzt“ ist. Aha. Optisch begrenzt also. Was immer das bedeuten mag, rein physikalisch betrachtet. Die optisch begrenzte Zahnpasta gibt es übrigens auch speziell für Männer. Wegen ihrer „starken Formulierung“ – Sie verstehen meine Damen, da können unsere schwachen Beißerchen nicht mithalten bei so viel Männlichkeit in der Formulierung. Also andere Zahncreme. Kann mir bitte jetzt noch jemand verraten, was der Unterschied zwischen: „Brilliant White“, „Sensation White“, „Luminous“, „MaxWhite“, „Total Whitening“ und „Crystal White“ ist? Am Ende scheiß ich auf weiß und nehm‘ eine extra frische Zahncreme. Geschafft.
  3. Tampons: Ich verzichte an dieser Stelle darauf, meine Anforderungen festzuhalten – ich lass das mal stecken höhö. Wie wir ja wissen, gibt es Tampons in verschiedenen Stärken, die farblich markiert sind. Damit kennen wir uns aus. Aber hat frau erst mal zu ihrer persönlichen Stärke gefunden, stellt sich ihr eine Reihe neuer Herausforderungen. Willst du lieber „geschwungene Rillen“? Oder eine „SilkTouch-Oberfläche“ mit „Smooth-Technologie“? Lieber einen „Schutzflügel“ für die Nacht? Früher dachte man ja noch, dass RedBull Flügel verleiht und Tampons die Regel dort aufnehmen, wo sie passiert. Mittlerweile haben Tampons Flügel und die Regel passiert, während du dich noch für die richtigen entscheidest. Da blickt keiner mehr durch, vielleicht ist die moderne Frau deshalb auch schon auf sogenannte Cups umgestiegen.
  4. Make-up: Ich möchte gerne ein leichtes Make-up, das meine Haut mit Feuchtigkeit versorgt (jetzt klinge ich selber schon wie die in der Werbung) und trotzdem ein bisschen matt (siehste) ist. Ich stelle mich also vor’s erstbeste Make-up-Regal und fange an zu lesen: „Prime and fine Smoothing Refiner“ steht da. Hä? Oder: „Miracle Touch“ (bis jetzt nichts verstanden deshalb les ich mal weiter) „Liquid Illusion“. Whaaaaaat? Ziemlich schnell wird klar, dass es nicht die größte Challenge wird, meinen Hautton farblich zu treffen. Einem Trend entsprechend werden mir übrigens jeweils Paletten mit 2 Hauttönen angeboten, einem dünkleren und einem helleren. Man nennt das moderne Teufelswerk auch „Contouring“, was nichts anderes bedeutet, als sich dunkle und helle Streifen ins Gesicht zu malen und dann anstatt Indianer zu spielen alles schön ineinander zu verwischen. Normalen Frauen wie mir fehlt dazu sowohl Zeit als auch Geduld. Mir reicht ein Farbton, der meinem Hautton halbwegs entspricht, damit ich – ebenfalls ganz im Trend – dann auch schön „nude“ aussehe. „Nude“ bedeutet nichts anderes als nackt. Nein, nicht was ihr jetzt denkt, reißt euch mal ein bisschen zusammen. Für einen ernsthaften „Nude-Look“, also einen Look, der dich aussehen lässt, wie Göttin dich geschaffen hat, gibt es eigene Lidschattenpaletten. Eine Standard-Nude-Palette besteht aus ca. 6 (!) verschiedenen Farbtönen. Es gibt auch welche mit mehreren. Ja, das ist eine ernste Sache und ja, ihr habt richtig gehört. Damit ich mich so schminken kann, dass ich gänzlich ungeschminkt aussehe, gibt es eigene Lidschattenpaletten mit mindestens 6 verschiedenen Farben käuflich zu erwerben. Das Ganze dann übrigens jeweils in matt oder glänzend – zwei Kategorien, die sich durch die gesamte Make-up Palette über Lippenstift bis hin zum Nagellack durchziehen. Aber nicht dass du jetzt denkst, glänzender Lippenstift wäre das Gleiche wie Lip-Gloss – *Augenroll. Das mit dem Make-up wird heut nichts mehr bei mir.
  5. Shampoo und Haarspray: Also meine Haare sind, naja, normal. Mit Naturwelle. Ich suche also dafür geeignetes Shampoo. Für normal mit Welle sozusagen. Vor dem Regal mit den ganzen Haarsachen geb‘ ich’s dann endgültig auf. Und nein, das letzte was ich jetzt noch will, ist, aufgebaut zu werden. Denn da steh‘ ich nun, normal und fertig wie ich bin, und jedes einzelne Shampoo verspricht mir Repair und Aufbau, Farbglanz oder Kräftigung, Verschönerung, Volumen, Seidenpracht. Das einzige, was ich weit und breit nicht finden kann, ist ein stinknormales Shampoo für meine absolut stinknormalen Haare.

Mit letzter Lockensprungkraft schleppe ich mich zu einer Angestellten, die gerade normalen Nagellack durch Gelnagellack im Regal austauscht. Klar, Gelnagellack hält ja auch etwas länger als normaler. Du brauchst, um ihn aufzutragen, nur Reinigungspads, einen Base-Coat, eine LED-Lampe, einen Top-Coat und ein ganzes Wochenende Zeit allein für die Maniküre. Dafür kostet der Lack an sich viel mehr als normaler Lack und zum Entfernen musst du auch noch was Spezielles besorgen. Völlig fertig und mittlerweile dehydriert inmitten eines Meers aus Hydra-Care-Zeugs komme ich also bei ihr an und bringe aus meinem trockenen Mund nur noch ein leises „Hilfe!“ heraus. „Ah, ich seh‘ schon“, meint sie nur bei meinem Anblick „Sie haben trockene Lippen. Was Sie brauchen ist eine richtig gute Lippenpflege! Da hab‘ ich was für Sie, das ist der allerletzte Schrei. Sehen Sie, das ist zwar 300% teurer als ein gewöhnlicher Labello, aber dafür ist es rund!“

 

Dieser Text ist zuerst auf www.provinnsbruck.at erschienen.

Schreibe einen Kommentar