Weihnachten naht schön langsam und spätestens jetzt wird es wieder mal Zeit, in Demut innezuhalten und ein bisschen Dankbarkeit zu zeigen. Dankbarkeit für alles, was wir haben, für alles, was wir erreicht haben, für all die lieben Menschen um uns und für all die schönen Momente, die uns widerfahren sind.

Denn es gibt auch Menschen in unserer Mitte, die es nicht so gut haben wie wir, die vom Leben gezeichnet sind, die die volle Härte des Schicksals getroffen hat, die jeden Tag aufs Neue die Breitseite unserer harten, ungerechten Gesellschaft abbekommen. Menschen, denen jeden einzelnen Tag der eiskalte Sturm der Realität um die Ohren bläst und die es trotz aller Widrigkeiten schaffen, den Mut nicht zu verlieren, und sogar noch mehr als das: Menschen, die in beinharter Aufklärungsarbeit einfach nicht müde werden, uns dauernd gefragt oder ungefragt von ihren Missständen und Benachteiligungen zu erzählen.

Denn ob wir es nun eigentlich wissen wollen oder nicht: Sie haben es sich zum allerhöchsten Ziel gemacht, das Salz in deinem Freudencocktail sein, der Bitterstoff in deinem Kuchen und ganz egal wie wolkenfrei und sonnig dein Tag zu werden scheint: Sie sind stets zur Stelle um auf deine Parade zu regnen.

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Du bist gerade Eltern geworden und freust dich über dein Neugeborenes? Schon sind sie zur Stelle und berichten in anschaulichen Horrormärchen von vollgeschissenen Windeln. Und falls du diese Horrorphasen doch wider Erwarten überleben solltest, musst du wissen, dass das erste ja noch geht, aber nichts ist so arg wie ein zweites Kind.

Du hattest einen tollen Erfolg, über den du dich gerade ziemlich freust? Zack, da sind sie, um dir von den Schattenseiten des Erfolgs zu erzählen überhaupt was jetzt auf dich alles zukommt und ob du schon weißt, dass das eigentlich in Wahrheit gar nicht so toll ist. Gerne vermiesen sie dir die Freude mit Beileidsbekundungen a la „Ach du Arme!“, wo du eigentlich Gratulationen erwarten würdest, gepaart mit einer ungefragt aufgezählten Liste von Gründen, warum das alles eigentlich nicht so toll ist und warum sie das, was du naives Ding als Erfolg für dich empfunden hast, ja deshalb nie hätten haben wollen.

Bist du etwa gerade frisch verliebt? Ja sag bloß, wusstest du etwa nicht, dass heutzutage eh keine Beziehungen halten und wie das damals war, als jemand mit denen schlussgemacht hat und überhaupt?

Es ist hart, beginnst du zu denken und fragst dich innerlich allmählich, ob du wirklich zu naiv, zu unerfahren oder gar zu dämlich bist. Anscheinend weißt du ja nichts vom wahren Leben. Du beginnst dich – rücksichtsvoll und gut erzogen wie du bist – förmlich schlecht zu fühlen für deine Erfolge und das Gute in deinem Leben. Du spielst dich selbst, deine Leistungen und dein warmherziges Wesen herunter, weil du denkst, dass du eben einfach nur Glück hattest.

Das kann schon mal verwirrend und irgendwie auch sehr enttäuschend bis hin zu sogar belastend sein. Die gute Nachricht ist aber auch: Wenn’s bei dir mal nicht so läuft, kannst du sicher sein, dass es bei diesen Leuten immer noch viel schlechter läuft, allein schon aus Prinzip. Denn irgendwie scheint es manchmal so, als wäre sogar das Leiden in unserer hoffnungslos überfütterten Wohlstandsgesellschaft zur Challenge geworden – egal wie schlecht du es hast, ich habe es noch schlechter, egal wie schlimm für dich grad alles ist, für mich war es immer noch viel schlimmer. Du hast ja keine Ahnung.

Und tatsächlich steckt bei näherem Hinsehen hinter der Härte des Lebens dieser Daueropfer dann oft ein Eigenheim, ein Akademikertitel, ein sicherer Arbeitsplatz, eine Privatversicherung und eine übertrieben große Familienkutsche. Und irgendwie auch ganz viel Zeit und Energie zum Schwarzmalen.

Wie jede Challenge bietet aber auch diese, wenn du sie mal durchschaut hast, die Möglichkeit einfach nicht mitzumachen. Lass anderen den Sieg im Leiden, wenn sie ihn unbedingt haben möchten, und konzentrier dich in erster Linie darauf, dich nicht mit runterziehen zu lassen. Du weißt nicht, was hinter ihrem Drang steht, sich dauernd durch Negativität in Szene zu setzen, aber wenn du ehrlich zu dir selbst bist, willst du in ihrer Haut auch nicht stecken. Verwende deine Energie lieber darauf, in unserer Gesellschaft was zu bewegen und dich für sozial Schwächere einzusetzen. Sie brauchen deine Energie viel dringender als irgendwelche Dauermiesepeter im goldenen Trübsalkäfig.