Eine Jugend, die gerade angefangen hat zu träumen

Es ist der 12. Februar, als in Innsbrucks Partnerstadt Sarajevo jegliche Winterolympiadennostalgie ein schlagartiges Ende nimmt. Eine Straßenbahn ist entgleist und reißt einen jungen Studierenden in den Tod, ein weiteres Opfer schwebt nach einer Beinamputation weiterhin in Lebensgefahr. Nur kurze Zeit später taucht ein Video des Unfallhergangs auf, das jeden Betrachter zunächst ungläubig den Kopf schütteln und für einen Moment an eine KI-Manipulation glauben lässt. Das Video ist aber echt. Die Straßenbahn ist mit einem vollkommen überhöhten Tempo in eine nahezu 90 Grad-Kurve auf dem Weg vom Bahnhof weiter in Richtung Innenstadt gerast.

Die ganze Stadt steht unter Schock. Unter Schock darüber, wie das junge Leben von Erdoan Morankić mit nur 23 Jahren ein jähes Ende nahm, als er an der Straßenbahnhaltestelle stand, weil er einen Kaffee trinken gehen wollte. Erdoan war Student an der Kunstakademie, ein junger, ambitionierter Künstler, der „unter Kollegen und Professoren nicht nur als Student, sondern vor allem als gute, fleißige und immer lächelnde Seele präsent war. Seine Wärme, Menschlichkeit, sein Engagement und unermessliches Talent hinterlassen bleibende Spuren in unserem Kollektiv und in der Erinnerung all jener, die ihn kannten und liebten“, wie im Nachruf der Kunstakademie zu lesen ist.

Eine Stadt in Trauer. Es ist eine unvergleichliche Tragödie, darin sind sich alle einig. Doch was für sich genommen eine Tragödie ist, reißt hier kollektive Wunden auf. „Unsere Jugend stirbt hier“ liest man auf den Schildern bei der Trauerkundgebung am Unfallort am nächsten Tag, denn hier geht es längst nicht nur um Trauer, hier geht es auch darum, das marode System zu hinterfragen, das für derartige Tragödien verantwortlich ist. Und so entwickelt sich eine Trauerkundgebung zu einem Protest zu einer Blockade der Stadt.

Auch wenn die Zusammenhänge jeweils unterschiedlich sind, kann ich nicht umhin sofort eine Verbindung zu den Studierendenprotesten in Serbien herzustellen. Ausgehend vom Einsturz eines Betonkonstrukts im Eingangsbereich des Bahnhofs in Novi Sad im Jahr 2024, der 16 Todesopfer zur Folge hatte, breiteten sich Proteste über ganz Serbien aus und dauern bis heute an. Die Proteste sind hauptsächlich getragen von Studierenden, finden jedoch landesweit große und breite Unterstützung quer durch alle Bevölkerungsgruppen. Dass ausgerechnet junge Menschen, die ihre Zukunft vor sich haben, zur Triebfeder dieser Proteste wurden, erscheint dabei nicht weiter verwunderlich. Denn unter Aleksandar Vučić, der lange Zeit seitens der EU als stabilisierender Faktor am Balkan propagiert und unterstützt wurde, und seiner Partei wurde ein zunehmend autoritäres System gebaut, das nur jenen eine Zukunft in Aussicht stellt, die in diesem System mitspielen. Aleksandar Vučić wird immer wieder vorgeworfen, eine zentrale Rolle in den Kriegsverbrechen der 90er Jahre gespielt zu haben und sieht sich aktuell mit Vorwürfen im Zusammenhang mit der Causa „Sarajevo Safari“ konfrontiert.

Im Unterschied dazu kämpft man in Bosnien mit jenem chaotischen politischen System, das aus dem Dayton Friedensabkommen resultiert und zwar den Frieden im Land sicherte, aber bis heute aufgrund seiner Komplexität und aufgrund seines administrativen Aufwands de-facto mehr behindernd als funktional ist. Ein Nährboden für Korruption, in dem nicht zuletzt bis heute Kriegsprofiteure die Strippen ziehen. Eine Protestierende bringt es im Interview mit der serbisch-sprachigen BBC so auf den Punkt: „Ich wünschte, ich könnte sagen, das System ist schuld, aber es gibt kein System.“ 30 Jahre nach dem Krieg findet sich die Jugend in einem System der ethnischen Trennung wieder, das Minderheiten ausgrenzt und in dem Korruption und Nationalismus das Sagen haben. Ein System, das  Frieden aber keine Zukunft sichert. Wenig überraschend, dass das Land neben allem anderen auch mit einer hohen Abwanderung von jungen Menschen zu kämpfen hat. Sogar Kampagnen, warum es sich zu bleiben lohnt, wurden geschalten, aber bleiben, wofür?

Unterdessen ist die Frage nach dem konkreten Unfallhergang offen. Der Straßenbahnchauffeur wurde in Gewahrsam genommen, ist aber aktuell wieder auf freiem Fuß. Ob es sich um menschliches Versagen oder technisches Gebrechen gehandelt hat – diese Frage ist für viele längst beantwortet. Es war menschliches Versagen derer, die an der Macht sind, was zu einem technischen Gebrechen in den Straßenbahnen führt, weil es ihnen egal ist, wenn „unsere Kinder“ sterben und niemand kontrolliert, ob die uralten Straßenbahnen noch funktionieren.

Mehr als 30 Jahre sind seit dem Krieg vergangen. Auf der einen Seite ein System Vučić, auf der anderen Seite die Folgen des Dayton-Abkommens und in der Mitte eine Jugend, die 30 Jahre später vor den Trümmern der Vergangenheit steht und für sich keine Zukunft mehr sehen kann. „Verzeiht einer Jugend, die gerade erst angefangen hat zu träumen“, ist auf einem Transparent inmitten der Proteste zu lesen.

„Bin gerade an der Haltestelle, komme auf einen Kaffee vorbei“, steht in roten Buchstaben an eine Straßenbahnhaltestelle geschmiert.

Quellen:

https://alu.unsa.ba/in-memoriam-erdoan-morankic-2003-2026/

https://www.instagram.com/reel/DUv8wAtAu0u/?igsh=MWVuMDN1a3lsYWx5Nw==

 

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