„Du bist ja so naiv“, denke ich bei mir, während ich den Erzählungen anderer Menschen lausche. Nicht etwa deswegen, weil sie mir von fernen Ländern und Krieg und Hunger und Not berichten. Nein, denn so naiv bin ich nicht, im Gegensatz zu vielen anderen vermeintlich Allwissenden, zu glauben, ich könnte mit meinem Erfahrungsschatz nur ansatzweise das Elend in der großen weiten Welt begreifen. Viel mehr sind es die Dinge in meiner eigenen unmittelbaren Lebenswelt, die mir das Gefühl vermitteln, die Welt nicht wirklich zu verstehen.

Wo lebe ich eigentlich? Von Affären und Dreiecksbeziehungen, Streitigkeiten, Betrügereien und anderen Skandalen wird mir berichtet – gerade so, als wäre es das Normalste von der Welt. So viel ist damit schon mal klar, in einer Seifenoper lebe ich nicht und übersehe dabei, wie sich das Leben selbst als die größte aller Seifenopern vor mir aufspielt. Dabei habe ich offenbar als Einzige gleich ein paar Staffeln davon verpasst. Alle anderen in meinem Umfeld kennen sich dagegen BESTENS aus, wer in welcher Folge mit wem was hat, welche Katastrophe sich wo wieder anbahnt und sind immer auf dem Laufenden, was gerade wieder im Leben der anderen so abgeht. Ganz wichtig dabei: Im Reden über die einzelnen AkteurInnen dieser Episoden – seien es nun KollegInnen, FreundInnen oder auch nur flüchtig Bekannte oder gar entfernt Verwandte – bringt jeder immer auch seine eigene Meinung mit ein. Diese lässt sich ja bekanntlich am Allerbesten nur auf Basis von Hörensagen und stille-Post-artig aufgebauschten Fakten bilden. Wie auch sonst, bitte?

Um das Publikum bei Laune zu halten werden noch die wüstesten Verschwörungstheorien in den Handlungsstrang eingeflochten, und so muss ich mich jetzt damit auseinandersetzen, dass die Welt wie wir sie kennen wohl bald untergeht und ich als Einzige wieder mal nicht weiß, was in der nächsten Episode des Real Life Big Brother abgehen wird. Ist ja dann eh zu spät. Und außerdem: Die Welt, wie wir sie kennen – ja kenne ich die Welt denn überhaupt noch? Oder bin ich tatsächlich viel zu naiv, um ihr wahres Wesen zu begreifen?

Naiv, das Wort hinterlässt einen bitteren Nachklang in mir. Es wird doch gerne insbesondere Frauen nachgesagt als Umschreibung für: dämlich. Wie dämlich muss ich denn eigentlich bitte sein, um nicht geschnallt zu haben, was sich direkt vor meinen Augen so alles abspielt? Normalerweise habe ich doch ein extrem gutes Gespür für Dinge, warum hat mein Radar die riesigen Katastrophen und Affären der Menschheitsgeschichte, die sich in meiner unmittelbaren Umgebung minütlich abspielen, einfach nicht auf dem Schirm? Und warum wissen andere immer so wahnsinnig viel mehr darüber als ich? Was ist nur los mit mir?

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Vielleicht bin ich ja wirklich zu naiv. Ein wenig aus der Distanz betrachtet finde ich das aber auch gar nicht so schlecht. Denn offenbar habe ich die Fähigkeit, mir Scheuklappen aufzusetzen, wenn es um den Scheiß anderer Leute geht, und mich dadurch mehr auf mich selbst zu konzentrieren. Ehrlich gesagt bin ich oft so sehr mit meinem eigenen Kram schon überfordert, dass ich gar nicht weiß, woher ich die Zeit oder die Kraft nehmen sollte, mich auch noch um die dunklen Geheimnisse anderer zu sorgen. Wenn ich es recht bedenke, ist das eigentlich ein ziemlich sympathischer Charakterzug von mir (Eigenlob!), auch wenn er bedingt, dass ich nicht immer bei jeder Klatsch- und Tratschrunde mitreden kann. Diese Art der Naivität ermöglicht es mir dagegen, der Welt und den Menschen um mich herum stets unvoreingenommen und vorbehaltslos zu begegnen. Daran kann ich nichts Schlechtes finden, zumal diese Haltung mehr als nur einmal dazu beigetragen hat, dass Menschen sich mir gegenüber öffnen und mir ihre innere Wahrheit erzählt haben.

Ein Moment von kahler, uneitler und blanker Wahrhaftigkeit – was könnte berührender sein? Die Meinungen von Nichtwissenden, Gerüchte, Fake News und nicht enden wollende Sensationsgier vergiften unsere heutige Gesellschaft sowieso schon wie nie zuvor – und zwar auf allen Ebenen. Und bei all den Geschichten, die dauernd so kursieren, kommt es vielleicht im Leben auf die eine Geschichte an, die man nicht erzählen kann, oder auf die eine Frage, die unbeantwortet bleibt. Ein gesundes Maß an Naivität im Umgang miteinander erscheint mir sogesehen fast als Heilmittel. Und vielleicht, wenn wir uns weniger mit den Skandalen unserer Mitmenschen beschäftigen, wird unser Blick geschärft für reale globale Probleme und Herausforderungen, denen wir uns in Wahrheit gemeinsam stellen müssen. Obwohl es sicher naiv von mir ist, zu denken, dass wir das schaffen könnten. Ich übersehe dabei immerhin, dass der mit jener gerade nicht redet, weil sie ihn mit dem Postboten mehrfach betrogen hat usw. usw. usw.