Wir alle bewegen uns unbekümmert durch unser tägliches Leben. Dabei lauern gerade im Alltag unglaublich viele versteckte Gefahren. Wir fühlen uns sicher und vergessen dabei völlig, dass mit einem einzigen Augenaufschlag  alles zu Ende sein kann. Und das meine ich vollkommen im Ernst:  Mit nur einem einzigen Augenaufschlag….

Gerade neulich stand ich zum Beispiel an der Kassa in einem Drogeriemarkt. Alles wirkte normal und unauffällig. Vor mir in der Schlange stand ein junges Mädchen, klein und extrem zierlich. Plötzlich kippte die Stimmung jedoch unvermutet. Ich konnte nur noch sehen, wie Eltern ihre Kinder in Sicherheit brachten – alle im Umkreis von 2 Metern liefen panisch davon. Das Mädchen vor mir hatte begonnen, sich langsam zu mir umzudrehen und – was war das? – ein riesiger Schatten bewegte sich plötzlich auf mich zu, schnell und immer schneller -Hilfe! Ich konnte mich gerade noch rettend hinter das Regal mit den Reisepröbchen – praktisch wenn auch hemmungslos überteuert – schmeißen, als ich sie sah: Killerwimpern, die sich an den Lidern des jungen Mädchens festgebissen hatten.

Schwarze, dichte Balkan, so lang, dass sie nach oben sogar die ultradicken Augenbrauen verdeckten. Und hey, wir haben uns daran gewöhnt, dass ihr Mädls neuerdings die gesamte obere Hälfte eurer Gesichter als Augenbrauen ausmalt, aber was ist das? Ich meine, Fliegenbeinchen waren gestern – das hier sah aus als hätte man ihr einen extrem pelzigen Kadaver ans Oberlid geschnallt.

Schon gelesen? Es ist verdammt hart, normal zu sein.

„Jemand muss sie davon befreien!“, dachte ich zunächst heldenhaft aus der Deckung. Wo waren eigentlich diese Tierschutzorganisationen, wenn man sie mal brauchte? Ich war mir sicher, dass die Dinger klägliche Geräusche von sich geben würden, wenn man sie berührte. Dann aber merkte ich, dass sie als einzige überhaupt nichts Seltsames an diesem Look fand. Und da wurde mir klar: Es war zu spät. Wir hatten sie bereits verloren. Geblendet vom dunklen Schatten, der ihre Augen überzog, hatte sie jegliche Selbstwahrnehmung verloren.

Sie schien gar nicht zu merken, dass alle in ihrem Umfeld sich in Sicherheit gebracht hatten, um nicht mit dem nächsten Augenaufschlag aufgespießt zu werden. Da stand sie einfach, als wäre nichts gewesen, und zog ihr Ding durch, ohne dabei auch nur mit der Wimper zu zucken – Gott sei Dank, wer weiß, was sonst noch alles passiert wäre. Abgesehen davon, dass sie niemals genug Kraft in den Lidern hätte, um ihre Augen jemals wieder zu öffnen.

Es grenzte geradezu an ein Wunder, dass sie nicht durch das Gewicht ihrer Fake lashes nach vorne gezogen wurde. Ganz zu schweigen von der Einsamkeit, die das arme Ding ertragen wird müssen. Denn bereits der leiseste Versuch, mit den Wimpern zu klimpern, lässt statt sanftem Geklimper einen unerträglichen Basssound ertönen, der jedem das Gefühl gibt, der weiße Hai würde ihm auflauern.

Wimpern haben ja von Natur aus eine Schutzfunktion. In dem Fall ist der Abwehrmechanismus zu einem extrem gefährlichen Angriffssystem geworden.
Und das ist vermutlich das Traurigste daran. Junge Mädels, die ihr wahres Gesicht hinter tiefschwarzen Balken zensieren, weil sie glauben, es sei besser, das ewig gleiche Instagram-Gesicht zur Schau zu tragen. Und das Tragen scheint in diesem Fall wahrhaftig Schwerstarbeit zu sein.

Und das, meine Damen und Herren, sind sie, die eingangs erwähnten versteckten Gefahren des Alltags: Junge Menschen, denen wir vergessen haben zu sagen, dass sie gut genug sind. Gut genug, so wie sie sind. Irgendwann müssen auch wir den Mut finden, aus unserer Deckung wieder hervorzukriechen und uns – ich sage es nur ungern – auch diesem Wimperntrend stellen. Auf dass er im nächsten Augenblick hoffentlich wieder verschwunden ist.