Ich gehöre zu jenen Menschen, die sich in einer minimalistischen Umgebung so richtig wohlfühlen. Zu viel Krempel macht mich nervös und so veranstalte ich regelmäßige Ausmistaktionen, um mir selbst nicht nur ein gutes Gefühl zu geben, sondern auch die Illusion aufrechtzuerhalten, ich hätte mein Leben im Griff.

Die Wahrheit ist jedoch: Ich habe es nicht im Griff. Ich habe mich nicht im Griff. Dinge auszusortieren ist nämlich nur die Kehrseite einer Medaille. Auf der anderen Seite laden die leergeräumten Regale dazu ein, wieder befüllt zu werden. Und so wird eingekauft und angesammelt bis zur nächsten Ausmistaktion. Die Konsumspirale dreht sich und ich steh mittendrin und denk mir, die vielen Kleider werden eh gespendet, wenn ich sie nicht mehr tragen möchte. Zurück bleibt somit nur meine vermeintlich weiße Weste und der gute Vorsatz, nicht mehr so viel einzukaufen. Mit anderen Worten: „Hallo, mein Name ist Birgit und ich habe ein Konsumproblem.“ (Und ihr jetzt so: „Hi, Birgit.“).

Eigentlich würde ich an dieser Stelle nur zu gerne mit erhobenem Zeigefinger eine Konsumkritik vorbeten. Fakt ist aber: Ich bin mittendrin. Ich „gönne“ mir öfters mal was, kaufe Dinge, die ich eigentlich gar nicht brauche und manchmal auch Dinge, die ich mir streng genommen gar nicht leisten kann. Warum? Weil Konsum so eine Art Sucht ist, ein Bedürfnis, das möglichst schnell befriedigt werden will und uns dann für kurze Zeit vorspielt, dass wir glücklicher sind als vorher. Im Gegensatz zu anderen Süchten ist Konsum jedoch kaum oder nur vordergründig stigmatisiert. Im Gegenteil: Er wird an jeder Ecke unserer modernen Lebenswelt sogar noch systematisch gefüttert. Und die Methoden, mit denen dies gelingt, werden immer perfider.

Social Media und die Unmittelbarkeit

Denn die Werbung schleicht sich zunehmend überall da ein, wo wir gar nicht merken, dass wir permanent mit Produktplatzierungen bombardiert werden. Hat man früher in der Werbepause im Fernsehen noch genervt weggeschalten, suchen wir nun förmlich die verschiedensten Werbekanäle bewusst auf: Youtube, Facebook, Instagram. Und wie verführerisch ist dazu noch die Tatsache, dass es uns oft nur 2 Klicks kostet, bis wir die vermeintlich lebensverbessernden Güter unser eigen nennen können? Online Shopping – immer direkter und einfacher, um den Kauf bloß rechtzeitig abzuwickeln, BEVOR die Vernunft wieder einsetzt. Dabei vergessen wir oft sogar unseren eigenen Kontostand, der in Zeiten der Digitalisierung ebenfalls nichts Greifbares sondern nur mehr eine Zahl am Display ist. Wenn wir schon mit den eigenen Ressourcen in der kurzen Reaktionszeit zwischen 2 Klicks achtlos umgehen, wie können wir dann jemals lernen, in weit entfernteren Dimensionen ressourcensparend zu denken?

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Während die Werbung immer offensiver wird und sich zunehmends in unseren Alltag einschleicht, werden wir uns ob der modernen Informationstechnologien der globalen Auswirkungen unseres  komsumgesteuerten Lebenswandels immer bewusster. Dummerweise geht die Bewusstwerdung mit einer Einladung zum Konsum hier Hand in Hand. So sind es nur allzu oft dieselben Influencer, die Minimalismus oder bewussten Konsum predigen und gleichzeitig ein optimiertes Leben voll mit dem neuesten Schnickschnack präsentieren. Mit uns wächst dadurch eine Generation heran, die sich wie keine zuvor der  globalen Folgen ihres Konsumverhaltens bewusst ist, aber keinen Aktionismus lebt. Kritik wird über Social Media ausgekotzt, gerade auf jenen Plattformen, die von immer maßgeschneiderter Werbung leben. Dabei ist es gerade die Unmittelbarkeit, mit der das eine in das andere übergeht, die uns zu blinden KonsumentInnen macht.

Ich bin auch blind, oder sollte ich besser sagen geblendet. Neulich erst musste ich daran denken, dass mein Konsumverhalten in Zeiten vor Social Media irgendwie überschaubarer war. Ich habe genauer darüber nachgedacht, welche Dinge ICH wirklich haben möchte oder ICH wirklich brauche, anstatt ferngesteuert zu meinen, ich muss etwas haben, nur um mein Leben so toll auf die Reihe zu kriegen wie irgendein Influencer das auf YouTube oder Instagram propagiert. Dabei ist mir klargeworden, dass es vor allem darum geht, die Unmittelbarkeit auszutricksen. Viel zu sehr haben wir uns daran gewöhnt, alles SOFORT verfügbar zu haben, Informationen, Produkte und sogar Menschen. So wichtig, wie es für mich selbst geworden ist, mich selbst aus dem Verfügbarkeitszirkus immer wieder mal herauszunehmen (denn auch das ist Minimalismus, der uns guttut), so wichtig ist es auch, den eigenen Konsum zu hinterfragen.

Ich habe deshalb angefangen, mir Listen zu machen mit Dingen, die ich mir einbilde, unbedingt haben zu müssen und Produkte, die ich online sehe, nicht gleich zu kaufen, sondern erst mal auf meinen Wunschzettel zu setzen. Das Aufnehmen auf die Liste befriedigt zunächst das eigene Konsumbedürfnis. Ich streichle damit quasi mein eigenes Konsumego, bevor es wieder mit mir durchgeht, und flüstere ihm beruhigend zu: Ist ja gut, ganz ruhig, wir heben dir das für später auf. Dann legt es sich meistens ruhig schlummernd in eine Ecke. Wenn ich dann mehrere Wochen später die Liste wieder durchgehe, kann ich getrost über 90% der Dinge streichen, die mir im ersten Moment so wahnsinnig wichtig vorkamen. Manchmal schüttle ich dabei auch energisch den Kopf und frage mich, was ich mir dabei nur gedacht habe. Und freue mich, wie viel Geld mir diese eine Liste schon gespart hat.

Der nächste Schritt auf dem Weg zu einem bewussteren Konsum wäre dann, sich Gedanken zur Herkunft der auf der Liste verbliebenen Dinge zu machen, aber das ist wieder eine andere Geschichte….