Als ich etwa elf oder zwölf Jahre alt war, haben zwei Schulfreundinnen und ich angefangen, uns gegenseitig Briefe zu schreiben. Nicht die klassischen kleinen Briefchen, die man sich im Unterricht verbotenerweise heimlich zusteckt, sondern richtige, seitenlange Briefe, die wir uns in der Schule gaben, um sie dann später zu lesen. Die großen Fragen unserer damaligen (Gefühls)welt haben wir darin erörtert, zwischen Sätzen wie „Mir gefällt deine neue Frisur“ oder „Du hast voll den guten Style.“

Das klingt jetzt aufs Erste so „typisch mädchenhaft“. Aber aus meiner heutigen Erwachsenensicht ist das alles andere als mädchenhaft.
Denn irgendwo zwischen Geschlechtsreife und Erwachsenwerden haben wir Mädchen aufgehört, uns gegenseitig Komplimente zu machen, uns den Rücken zu stärken, füreinander da zu sein. Aus uns sind Frauen geworden – eine jede für sich kraftvoll und stark – die es gewohnt sind, sich um ihren Scheiß allein zu kümmern, ihre Kämpfe allein auszutragen. Und wir erlauben es uns als moderne, selbstsichere Frauen dabei kaum noch, Schwächen zu zeigen. Eine jede balanciert ihre Mehrfachbelastungen für sich und schenkt der Welt obendrein noch ein Lächeln. Wie auf einem Hochseil stehen wir da, voll und ganz auf uns konzentriert, angespannt bis in die Haarspitzen, denn wir wissen: Bereits der kleinste Windhauch kann dieses wacklige Konstrukt, das wir Leben nennen, zu Fall bringen. Wir sind dabei so sehr darauf konzentriert, bei jedem Schritt die Balance zu halten, dass wir es nicht wagen, nach links oder rechts zu blicken. Wahre Weggefährtinnen finden wir so nur selten, denn eines wird uns irgendwie schon ganz früh klar: Die Luft hier oben ist verdammt dünn ist für uns.

Wir kommen aus einem Bildungssystem, das uns einredet, wir könnten alles erreichen, wenn wir nur fleißig und brav sind. Und angepasst. Und so beginnen wir unseren Weg auf dem Drahtseil, vollkommen gewillt, alles richtig zu machen und alle Herausforderungen zu meistern, die sich uns in den Weg stellen. Doch während wir fleißig und brav damit beschäftigt waren, unsere Buntstifte möglichst gleichmäßig zu spitzen, haben sie vergessen, uns Durchsetzungsfähigkeit zu lehren oder uns auf eine Welt vorzubereiten, in der Macht bereits vorverteilt ist und Erfolg viele Gesichter hat, die meist mit Leistung allein so gar nichts zu tun haben. Und hier stehen wir jetzt mit unserer Philosophie der Anpassung vor der glass ceiling, während wir permanent für unsere Art zu leben verurteilt werden. Und weil wir aber gelernt haben, uns immer anzustrengen, um alles zu schaffen, tragen wir zusätzlich zu allem anderen noch einen Riesenhaufen Schuldgefühle mit uns rum, weil wir offenbar doch nicht gut genug waren. Und wir vergessen dabei einander. Viele drücken sich lieber die Nase platt am Glas oder führen gar einen rücksichtslosen Wettkampf gegeneinander, anstatt sich einander zuzuwenden.

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Liebe Freundin, für dich lasse ich heute das Ritual aus Kindertagen wieder auferstehen, denn ich möchte, dass du weißt, dass du genug bist, und zwar immer. Du bist ganz unvermutet in mein Leben getreten und es hat zwischen uns sehr schnell „gefunkt“. Ich habe kaum zuvor jemanden getroffen, der mich so wertungsfrei akzeptiert und mich nicht nach den eigenen Vorstellungen beurteilt oder gar zu formen versucht. Du lässt mich ganz ich sein und schenkst mir all die Freiheit, die in diesem Ich liegt. Ich wünsche mir für dich, dass du dieselbe wertungsfreie Liebe und Akzeptanz, die du mir jeden Tag schenkst, auch dir selbst gegenüberbringst. Und dass du diese Freiheit immer in dir finden kannst, völlig unabhängig davon, für welche Lebensform du dich entscheidest. Ich fühle die Herausforderungen, vor denen du im Leben stehst, denn sie sind genauso meine, und ich weiß durch dich, vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit: Ich bin nicht allein.

Es ist ganz schön verwirrend, mit all den Erwartungen, die die Gesellschaft und vor allem wir selber an uns stellen, erwachsen zu werden und trotz der vielen Rückschläge und Verletzungen durch den Alltag zu navigieren. Es sind die großen Fragen unserer erwachsengewordenen (Gefühls)welt, die du mit mir ergründest, und die vielen kleinen Sorgen des Alltags, die wir miteinander teilen. Und die dadurch ihre Bedrohlichkeit ein klein wenig verlieren und irgendwie erträglicher werden. Seit du da bist und wir einander haben, fühle ich mich stärker und zuversichtlicher. Durch dich habe weniger Angst vor der Zukunft. So sehr hast du mein Leben verändert und so viel Gutes bewirkst du in mir, selbst wenn wir oft wochenlang nur durch Memes kommunizieren. Ich dachte, das solltest du wissen.

Und du sollst wissen, dass ich dich sehe. Ich sehe dich durch deine schwachen Momente und bewundere, wie stark du bist, auch wenn du das Gefühl hast, dass dir alles um die Ohren fliegt und auch dann noch, wenn du nichts mehr von all dem tragen kannst. Ich habe selten jemanden getroffen, der sich dem Leben stellt wie du, Umstände nicht einfach hinnimmt, sondern zu ändern versucht. Ich sehe dich sogar durch deinen Zweifel immer glasklar. Es gibt so vieles, das wir in unserer Generation vielleicht nicht schaffen werden zu ändern. Am Ende ist und bleibt jede von uns irgendwie auf sich allein gestellt. Aber so wie wir alle auf uns allein gestellt sind, könnten wir genauso gut auch zusammenstehen. Und du bist es, die mich daran jeden Tag erinnert.

P. S: Ich mag deine langen Haare und voll schöne blaue Augen hast du auch.