Es war einer dieser Tage, an denen du dir erlaubst, dich gehen zu lassen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes ein verträumter Sonntagnachmittag, an dem ich meine Gedanken einfach gleiten ließ, wo immer sie auch hingleiten wollten. Und es war vielleicht wenig überraschend, dass sie früher oder später wieder an diesem einen Punkt anlangten, diesen tief verborgenen und auch mit zunehmendem Alter immer wunderen Punkt, an dem ich nie so ganz vorbeikomme. Es ist dieser Punkt, an dem meine tief verborgenen Träume liegen, eine Vorstellung von einer Zukunft, die so greifbar scheint, aber dennoch so weit weg und je älter ich werde, desto mehr scheint dieser eine Punkt irgendwie verschüttet zu sein. Größer und größer werden die Barrieren, während gleichzeitig die Sanduhr schneller und immer schneller nach unten rasselt. „Du bist zu alt“, flüstert mir das Rasseln des Sandes zu. „Du hast keine Zeit mehr“, redet er mir beständig ein, „also lass besser den Gedanken daran gleich bleiben.“

Dies ist nur eine Auswahl jener Glaubenssätze, mit denen ich mich beharrlich davon abhalte, mehr von den Dingen zu tun, die mein Herz seit meiner Kindheit begehrt. Einen Schritt nur in die Richtung zu machen, selbst wenn es nie mehr sein sollte, und mich selbst glauben zu lassen, dass ich es gewagt habe. „Lern was Gscheites“, „Mach lieber etwas Solides“ oder „Davon kann man sich auch nichts kaufen“, ist eine Best-of Auswahl solcher tief in mir eingebrannten Glaubenssätze.

An jenem wieder mal verträumten Sonntagnachmittag verbündeten sich all diese Glaubenssätze zu einer Geste in meinem Inneren, mit der ich bildlich gesprochen all jene Ambitionen auf einmal vom Tisch wischte und mir sagte: „Ach, das sind doch alles nur Kleinmädchenträume!“. An dieser Stelle musste ich innehalten, da ich nicht wusste, ob ich meiner eigenen inneren Stimme widerstandslos Gehör schenken sollte. Wie war das eben? Kleinmädchenträume?

Schon komisch, dachte ich zunächst, dass es ein Äquivalent zu diesem Wort für Burschen nicht gibt. Es gibt nicht so etwas wie Kleinjungenträume, und vor allem nicht in dieser abwertenden Form zu einem Wort der Lächerlichtkeit verschmolzen. Aber Jungs wollen doch auch Astronauten und Feuerwehrmänner und Robotererzeuger in Japan werden, ist das in irgendeiner Form für unsere Gesellschaft eher wahrscheinlich, als ein Mädchen, das Stewardess werden will oder Friseurin oder Ponyhofbesitzerin? Und wenn ein Mädchen eigentlich Astronaut werden will, gilt das für sie dann auch als Kleinmädchentraum, der milde belächelt wird, weil wir uns zwar über ihre Ambitionen freuen, jedoch wissen, dass sie früher oder später den gesellschaftlichen Konventionen zum Opfer fallen wird und – realistisch betrachtet – die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Astronautenbusiness nicht gegeben ist?

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Ich meine, es fällt mir schwer zu sagen, ob die Ambitionen von Mädchen schlicht weniger ernst genommen werden, egal in welche Richtung sie gehen, oder ob es im Speziellen dann vorkommt, wenn sie sich weiblich konnotierte Dinge wünschen, die an sich in unserer Gesellschaft weniger ernst genommen werden. Ist es überhaupt noch okay, sich ein weiblich konnotiertes Ziel zu setzen, oder definiert sich Erfolg an sich ausschließlich über alles Männliche? Warum sind die Träume eines Mädchens weniger wert, während Burschen sich als Abenteurer fühlen dürfen, denen die Welt offen steht? Oder warum erscheinen sie uns weniger glaubhaft? Warum werden sie mit einer Phrase, einem eigens kreierten Audruck einfach abgetan? Und warum geben wir uns damit zufrieden, dass kleine Mädchen in einer Welt aufwachsen, die ihnen einreden will, dass ihre Träume weniger wert sind?

An diesem Punkt merkte ich plötzlich, wie sehr sich diese gesellschaftlichen Konventionen in mir niedergelassen hatten und mich bis heute blockierten. Wie groß die Selbstzweifel sind, die aus ihnen resultierten, und das bis heute. Einem Heute, in dem ich erwachsen und unabhängig bin, zwei Studienabschlüsse in der Tasche habe, mir einen Expertenstatus in meinem Fach erarbeitet habe und eine leitende Angestellte bin.

Das kleine Mädchen in mir hat aber nie aufgehört weiterzuträumen. Ich sag euch, was es sich wirklich von allen Dingen am meisten wünscht: Es wünscht sich, dass seine Träume ernst genommen werden. Und weil ich das verstanden habe, bin ich die erste, die damit anfangt.