Es ist alles schwer. Und besonders schwer ist es, in Worte zu fassen, was gerade alles schwer ist. Nun gut, da ist diese Krise, aber eigentlich, eigentlich…. Eigentlich fühlt es sich so an, als würde ich nicht nur die ganze Zeit zuhause rumsitzen, sondern mich auch nicht mehr trauen, das eigene Bett zu verlassen. Wie ein kleines Kind habe ich mich in der Dunkelheit auf mein Bett zurückgezogen. Und hier sitze ich nun zusammengekauert und halte mir verzweifelt die Ohren zu, um nicht mehr mitzubekommen, wie die Erwachsenen sich draußen streiten.

Verstört summe ich eine Melodie vor mich hin, nur um endlich ganz ausblenden zu können, was da draußen vor sich geht und einfach nur Frieden zu finden. Frieden finden möchten die da draußen auch. Zumindest höre ich immer wieder, wie sie Friede und Freiheit rufen, neben anderen Dingen, die ich nicht verstehe. Weil ich viel zu klein bin, um mich damit auszukennen. Impfungen, Statistiken und Infektionszahlen werfen die sich da draußen um die Ohren und zwar ein jeder so, als würde sei eigenes Leben davon abhängen, auf jeden Fall Recht zu haben. Ich weiß gar nicht mehr, worum es ihnen dabei eigentlich geht. Sie merken offenbar gar nicht, dass hier tatsächlich Menschenleben auf dem Spiel stehen. Menschenleben und Existenzen. Aber sie entscheiden sich zu streiten, koste es, was es wolle. Die einen sind so und dann kommen die anderen und sind so gegen die einen. Und alles ist so aufgeladen.

Aber ist es nicht eigentlich viel zu ernst, um sich gegenseitig um die eigene Meinung zu streiten? Oder sich und alles von einer politischen Positionierung instrumentalisieren zu lassen? Warum hören sie da draußen nicht einfach auf, sich gegenseitig zu beflegeln, und kommen stattdessen herein zu mir, um mich zu fragen, wie es mir geht und mir meine Angst zu nehmen. Ich fühle mich unendlich einsam und fange an zu weinen. In letzter Zeit habe ich so viel geweint, ich glaube ich kann gar nicht mehr aufhören. Insgeheim hoffe ich, dass jemand mein Weinen hören wird und den Streit endlich beenden. Dass alle plötzlich innehalten und wie vom Geistesblitz getroffen sagen: He Leute, lassen wir das doch, es gibt jetzt Wichtigeres, um das wir uns zu kümmern haben.

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Aber nein, stattdessen wird es immer noch lauter. Lauter und lauter, so lange, bis auch das letzte reale Problem davon hoffnungslos übertönt wird. Wie können die sich bloß so hassen? Und wenn sie sich schon hassen, warum hassen sie sich gerade jetzt so sehr, wo es doch um andere Dinge ginge. Wird es immer so sein, dass wir in harten Zeiten nicht zusammenstehen, sondern uns als Gesellschaft spalten und all diejenigen attackieren, die nicht gewillt sind, diese Spaltung mitzumachen? Es ist, als wäre ich eine Cartoonfigur, unter der sich der Boden spaltet. Mit Händen und Füßen ringe ich, um mich noch in der Luft zu halten, so lange, bis ich nach unten blicke und erkenne, dass ich längst den Boden unter den Füßen verloren habe. Und ich falle.

Jeden Tag falle ich ein kleines Stück weiter und frage mich: Was ist eigentlich mit meinen Bedürfnissen in all dem Chaos? Ich wünsche mir Geborgenheit und Vertrauen, aber wem kann ich denn noch vertrauen, wenn es denen nur noch darum geht, die anderen zu diskreditieren und damit Recht zu behalten. Recht worüber? Ich wünsche mir, dass ich jemandem sagen kann, wie viel Angst mir das macht und irgendjemand kommt, mich in den Arm nimmt und mir leise zuflüstert, dass alles wieder gut wird. „Wir lassen uns von der Angst nicht regieren“, schreien sie bloß aggressiv da draußen und das macht mir noch mehr Angst. Wenn diese Aggressivität der Preis für Angstfreiheit sein muss, dann verzichte ich.

Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und versuche, mich vor der Welt zu verstecken. Weil ich mich nicht auskenne. Weil ich nicht weiß, was morgen sein wird. Und weil alles, was mir vertraut war, irgendwie weg ist. Warum darf ich meine Freunde nicht mehr sehen? Warum sieht mich niemand? Wenn es nicht mehr um uns Kinder geht, worum geht es denn dann überhaupt noch?

Irgendwann wird es ruhig draußen. Jeder Krieg macht ab und zu auch Pause. Endlich komme ich zur Ruhe. Ich wage mich aus meinem Bett und tipsle auf Zehenspitzen zur Tür. Langsam öffne ich sie, der Lichtkegel blendet mich. Ich halte mir den Arm vor die Augen und gehe verwirrt und geblendet weiter. Wo sind bloß alle hin? Niemand ist da. Niemand. Kein Erwachsener. Keiner, der hier die Verantwortung trägt. Aber um mich herum erkenne ich unzählige andere Kinder, verwirrt, ängstlich und geblendet, so wie ich. Von links und von rechts taumeln sie langsam auf mich zu. Hier sind wir. Alles Kinder, die sich in der Krise verängstigt und alleingelassen fühlen und die Welt um sich herum nicht mehr verstehen.