„Komm, wir fragen da jetzt!“, sagt sie nachdem wir eine ganze Weile inmitten des Menschengewirrs an einer Straßenecke beim Bahnhof in Florenz versucht haben, die Karte zu studieren – erfolglos. Wir, das sind drei Reisegefährtinnen, die sich auf ein langes Wochenende in den Süden vertschüsst haben und aktuell damit beschäftigt sind, den Weg mit ihren drei Koffern nicht zu verstellen. Nachdem wir mitten in der Nacht aufgebrochen waren und eine fast achtstündige Reise mit wenig Schlaf hinter uns haben, sind wir hier nun gestrandet, kurz vor unserem Ziel. „Es muss doch irgendwo in der Nähe sein, oder?“, fragen wir die erste Passantin, die vorbeikommt. 

„Nein, das ist nicht wirklich in der Nähe, das ist schon ein bisschen entfernt, da würde ich an eurer Stelle ein Taxi nehmen!“, meint die Frau in bemühtem Englisch mit italienischem Einschlag. Sofort ist sie mit ihrem Hund stehengeblieben, als wir sie angesprochen haben. Klein ist sie und etwas rundlich, insgesamt nicht gerade gestylt, die eingeflochtenen Zöpfe sind schon mehr als nur ein wenig herausgewachsen. In ihrem abgetragenen Hoody verteidigt sie stolz den „Ich geh nur mal eben mit dem Hund raus!“-Sonntagslook. So unscheinbar sie auch wirken mag, verteidigt sie aber auch innere Werte, wie man sie sonst nur ganz selten finden kann. „Aber lasst euch nicht übers Ohr hauen, schaut euch im Taxi genau den Preis an, weil ihr Fremde seid!“

Wir sind dankbar für die Warnung und für die Mühe, die sie sich macht, uns auf der Karte zu zeigen, wo wir sind und wo wir hin müssen. Nachdem wir uns auf das Taxi geeinigt haben, zückt sie ihr Mobiltelefon und beginnt in aller Ruhe zu telefonieren. Zuerst ist mir nicht ganz klar, was das soll, aber schon bald verstehe ich, dass sie sich um ein Taxi für uns „tre signore“ bemüht. Für sie sind wir doch eigentlich völlig fremde tre signore, die sie mitten auf ihrem Weg aufgehalten haben. Nachdem das erste Taxiunternehmen anscheinend keinen Erfolg brachte, wählt sie wieder eine neue Nummer und erklärt die Situation von Neuem. Dann gibt sie unseren genauen Standort durch und als sie auflegt, gibt sie uns folgende Anweisungen: „Geht jetzt da vor und wartet genau dort, da das Taxi von dieser Seite kommt. Merkt euch die Nummer xy, das ist euer Wagen.“

Wir bedanken uns überschwänglich und tun wie uns geheißen. Zunächst sind wir skeptisch, ob das nun tatsächlich was wird, aber nur wenige Minuten später fährt ein Taxi auf uns zu und plötzlich ist es so, als wären wir in einer anderen Matrix gelandet. In einer Matrix, in der viele unsichtbare Hände zusammenhelfen, um uns auf schnellstem Wege zu unserem Ziel zu führen. Eine Matrix, die jene Frau durch ihre selbstlosen Bemühungen für uns ausgelöst hat. Der Taxifahrer springt aus dem Wagen und packt unsere Koffer ein, bestätigt noch einmal unseren Zielort und zischt los, durch kleine Gassen voll mit Menschen.

Am Ziel angekommen beginnt unser Urlaub unaufhaltsam. Das ganze Wochenende über begleitet uns zwischen Sightseeing, Shopping und gutem Essen aber immer wieder der Gedanke an jene Frau, die ihren Weg für uns unterbrochen und sich einfach so für uns völlig Fremde die Zeit genommen hat. Sie hat in den 5 Minuten etwas in uns allen bewegt, das wir noch viel länger bei uns tragen werden als die vielen Souvenirs, die wir geshoppt haben. Verantwortung füreinander zu übernehmen, ein bisschen mehr als es vielleicht auf den ersten Blick nötig scheint, verhilft uns am Ende allen viel schneller zum Ziel.

Insgeheim beschließt deshalb jede von uns dreien, dass wir es das nächste Mal auch so machen werden, wenn jemand uns um Hilfe bittet. Und während wir mit Sekt auf unseren Urlaub  anstoßen, hat sich in stiller Übereinkunft das Gute in der Welt verdreifacht.