Falls die Timeline einmal endet

Es ist erst ein paar Tage her, dass mir Facebook wie so oft eine Erinnerung vor die Nase gehalten hat. Eine längst vergessene Erinnerung aus dem Jahr 2011. Sie zeigt mich mit einer mir vertrauten Seele, die längst von uns gegangen ist. Ich bin seltsam berührt von diesem Bild und meinen Worten, die sich vor mir ausbreiten, als wäre die Zeit stehengeblieben. Bei all den Möglichkeiten, die das Internet geschaffen hat, um Menschen zu durchleuchten, gibt es doch noch keinen Algorithmus der es vermag, Leben und Sterben zu berechnen.

Dabei sind es doch die sozialen Medien, die uns eigentlich dauernd von einem Trend zum nächsten jagen, ein Aufreger nach dem anderen, jeder so kurzlebig, dass man bereits abgestumpft überlegt, ob es der emotionalen Teilhabe noch in irgendeiner Form lohnen würde, kurz bevor schon das nächste große Ding um die Ecke kommt. Wir machen aber mit und sind so sehr darauf bedacht, jeden Moment in einem Selfie festzuhalten und mit einer möglichst peppigen Statusmeldung zu versehen, dass wir gar nicht merken, wie schnell er uns entgleitet, noch ehe wir gespürt haben.

Wir laufen von einem zum nächsten in der hektischen Manier des Internets mit wie Tiere im Zirkus. Wir leben die Vergänglichkeit wie nie zuvor und denken gleichzeitig, wir würden ewig leben. Alle Daten, die wir irgendwann mal irgendwo eingeben, werden für den Rest aller Tage in einem virtuellen Universum konserviert werden, aber ob wir morgen auch noch da sind, ist niemandem von uns garantiert. Am Ende bleibt eine Facebookerinnerung von einem Erlebnis, an das du dich gar nicht mehr so recht erinnern kannst, weil du vergessen hast, es zu erleben.

Und am Ende – wer wird eigentlich da sein für dich von den Menschen, die dir heute auf Social Media folgen, von den Menschen, für die du dich bis zur Schmerzgrenze verbiegst, von den Menschen, denen du immer versuchst alles recht zu machen, von den Menschen, denen du dauernd etwas vormachst?

Wir warten immer auf große Gesten und verstehen nicht, dass die Menschen, auf die wir wirklich zählen können, in Wahrheit still hinter uns stehen. Wir beschuldigen und verletzen uns gegenseitig, weil unsere Egos es nicht ertragen können auch mal zurückzustecken, wenn es wirklich wichtig wäre, und sobald wir merken, dass wir etwas zerstört haben, meinen wir, dass wir es schlicht neu formatieren könnten mit einer oberflächlichen Entschuldigung. Aber wir sind nur Menschen und wir verlieren manchmal unwiederbringlich. Im Leben kannst du nicht auf „rückgängig“ klicken oder die einfach irgendein Back-up aus vergangenen Tagen zurückholen.

Die romantisch arrangierte Teetasse auf Instagram wird nie den Duft und die Wärme ersetzen können, oder auch die Erinnerung an einen längst vergangenen Moment wachrufen können, den du mit dem Duft des Tees verbindest. Wir planen eine Reise in die Ewigkeit für die wir nichts einpacken, von der wir nichts mitnehmen, weil wir uns stattdessen auf die virtuelle Ewigkeit verlassen, die nicht wahrhaftig ist.

Die Fassade, die wir uns aufbauen gaukelt uns vor, wir hätten unser Leben unter Kontrolle, aber wir vergessen dabei, dass Leben in erster Linie bedeutet die Kontrolle zu verlieren und nicht zu versuchen, es in Schach zu halten. Schon morgen kann alles zerbrochen sein und der Weg zurück zu dir selbst wird nicht über plumpe, oberflächliche Social-Media-Selbstinszenierungen führen, und seien sie auch noch so tiefsinnig, sondern einzig aus dem letzten Rest von Leben, das du in jeder einzelnen Scherbe wiederfinden kannst.

Es wird Tage geben, an denen dir einfach alles gelingt, es wird Tage geben, an denen du nur heulst, mal wirst du überglücklich sein, mal wird es Überraschungen geben und Momente, in denen du nicht weiterweißt. An manchen Tagen wird die Frisur perfekt sitzen und an manchen wirst du mit dem verschmierten Make-up vom Vortag über der Kloschüssel hängen. Mal trägst du das perfekte Outfit und feierst die ganze Nacht, mal kommst du 3 Tage von der Couch nicht hoch.

Und dann wird es Tage geben, die deine Welt für immer verändern werden. Du weißt immer nie, wann ein solcher Tag sein wird. Aber es wird Tage geben, an denen es kein Morgen mehr geben wird, keine neue Statusmeldung und kein Update mehr. Es gibt im Leben keine Sicherheitskopie und jede Timeline endet eines Tages.

Also vergiss nicht, deinen Koffer mit wahrhaftigen Erinnerungen rechtzeitig zu füllen, halte alle Menschen in Ehren, die deinen Weg kreuzen, ob im Guten oder im Schlechten, und sei verdammt nochmal lebendig.

2 Kommentare

  1. Elisabeth Moser

    5. September 2018 at 8:05

    Sehr lesenswert und absolut richtig!
    Danke dafür

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