„Ich bin ein Fan davon, Dinge auf die nächste Ebene zu heben“, haut sie einfach so raus, als wäre sie ein Guru oder so. Irgendwo in der Unterhaltung zwischen latest shit und Klatsch und Tratsch erhebt sie sich förmlich vor mir in einer sexy Toga mit zwei philosophisch ausgestreckten Fingern – wie so ein allwissender Messias, bloß ohne weißen Rauschebart.

Und in mir die Erleuchtung, wie sie sich langsam ihren Weg von unten nach oben bahnt, im Gleichschritt mit meinen sich hebenden Augenbrauen und meinem sich öffnenden Mund:

Wie oft bitte, wie oft sitzen wir auf einer Ebene mit jemandem fest, obwohl wir schon längst bereit wären für einen nächsten Schritt? Wie oft trauen wir uns aber nicht, was zu sagen und zwirbeln stattdessen ungeduldig eine Haarsträhne? Wie oft warten wir nur darauf, von unserem Gegenüber ein Signal, einfach nur die leiseste Andeutung zu bekommen, dass er oder sie ebenfalls bereit ist? Bereit für all das, was er oder sie nicht wissen kann, dass wir uns wünschen, weil wir es einfach nie, niemals ausgesprochen haben? Und wie oft bitte verstricken wir uns dabei in eine komplett irrsinnige Parallelwelt aus Interpretationen von Aussagen, Gesten oder gar den Gebrauch von bestimmten Emojis?

Wenn Beziehungen zum Hamsterrad werden, in dem man sich abstrappelt aber einfach nicht wirklich vorwärts kommt, gibt es nur noch 2 Varianten: Entweder, man läuft weiter mit oder aber man hört auf und wird durch die selbst erzeugte, heftige Drehbewegung erst mal ausgespuckt und landet irgendwo anders – orientierungslos, schwindlig und total ausgelaugt. Das verblüffende Ende eines Dramas, das einzig auf dem nicht Aussprechen und nicht Deutlichmachen der eigenen Bedüfnisse basiert. Schuld sind aber, klarerweise, immer die anderen (what else?).

Alles oder nichts mag zwar ganz nett sein als sportlicher Antrieb im Hamsterrad, aber Beziehungen, egal ob Freundschaften oder Liebesbeziehungen, können niemals auf gesunde Weise nach diesem Prinzip funktionieren. Es kann nicht nur die eine beste Freundin oder keine Freundin geben und auch die Liebe kennt unendlich viele Formen und Facetten, die allesamt mit einem Nagetiergehege nichts gemein haben. Und warum sollte man sich selbst also, geschweige denn andere Menschen in unserem Leben, überhaupt so sehr einschränken?

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Wie wäre es stattdessen, fragt mein neuer Guru, einfach selber mal das eigene Ego zu überwinden und einen winzigen Schritt nach oben zu machen, eine kleine Geste nur oder ein paar Worte, die man sonst für sich behalten würde? Denn der Punkt ist doch, dass man dann sofort erkennen kann, ob dies auf Resonanz stößt oder nicht. Hältst du den kleinen Zehen ins kühle Wasser wirst du jedenfalls auch Wellen schlagen. Mehr brauchst du dann auch nicht mehr zu tun. Es wird sich ja bald zeigen, ob du nun alleine auf der neuen Ebene hockst oder eben doch zu zweit. Und du brauchst dich, wenn du ehrlich zu dir selber bist, auch gar nichts zu scheißen. Denn wenn die Wellen, die du ausgelöst hast, jemanden von dir wegtragen, werden die irgendwann jemanden anderen zu dir tragen. Jemanden, der auch bereit ist, mit dir auf der nächsten Ebene Platz zu nehmen. Und auf der nächsten. Und der nächsten.

So können Beziehungen sich stufenweise entwickeln. Das Tolle dabei ist ja schließlich auch, dass wir immer wieder neu wählen können, was die nächste Ebene sein könnte. Und wir müssen nicht vorher wissen, was am Ende dabei herauskommt. Jede neue Ebene, egal in welche Richtung sie gehen mag, verleiht unseren Beziehungen eine neue Dimension. Und so können wir und unsere Beziehungen am Ende durch jede neue Ebene wachsen und gleichzeitig auch tiefer werden.

„Weißt du übrigens, was mich total enttäuscht hat?“, fragt sie noch. „Hm?“, murmle ich, immer noch in Gedanken. – „Seeotter.“ Und einfach so ist er dann wieder vorbei, der ultimative Guru-Augenblick.