Es ist Mittagszeit, ich sitze im Bus. Außer mir sind da nur ein paar ältere Menschen – ja, sogar noch älter als ich. Es ist ruhig irgendwie. Die Ruhe nimmt jedoch ein abruptes Ende, als der Bus an einer Schule hält, wo bereits Dutzende Halbwüchsige warten.

Auf einmal befinde ich mich in einem ganz anderen Film, um 20 Jahre zurückversetzt. Es wird schlagartig ziemlich laut, als ob ein Bienenschwarm auf Speed eingestiegen wäre. Alle versuchen nach Leibeskräften, sich gegenseitig zu übertönen, jede/r Einzelne möchte aus der Masse herausragen, durch Coolness, Humor, Intelligenz oder auch sagenhafte Dummheit. Jede/r hat eben so seine Talente, die hier geradezu schauderhaft plakativ ausgelebt werden. Die Mädchen sind entweder bereits abgeklärt und wie von Kim Kardashians Visagistin persönlich geschminkt, oder noch ein bisschen kindlich und unsicher. Die Jungs scheinen irgendwie in alle Richtungen zu zerfließen, ohne selber noch Kontrolle über sich, ihren Körper oder ihre Stimme zu haben. Für uns Urgesteine auf den Zuschauerrängen wirkt das alles irgendwie ganz schön stressig. Doch wer sind schon wir Alten, maximal eine Kulisse für diese sonderbare Wolke der nie dagewesenen Einzigartigkeit, die diese jungen Menschen umgibt. Und miteinander als Gruppe leben sie diese Einzigartigkeit exklusiv im Hier und Jetzt. Alles passiert zum ersten Mal für sie, alles ist neu, jeder Entwicklungsschritt ein Meilenstein.

Der bloße Gedanke daran macht mich schon müde. Ich war – wie wir alle – auch da, genau wie sie, und nein, ich will nicht dahin zurück. Die Jugendzeit, so sagt man, ist die schönste Zeit des Lebens. Oh mein Gott, nein. Diese ständige, zermürbende Frage in dir, wer du eigentlich bist, was dich ausmacht, was du sein oder darstellen möchtest, während dein Körper auf jede nur erdenkliche Art durchdreht. Die elendige Unsicherheit und Scham, die für uns Mädchen mit den körperlichen Veränderungen einhergeht und die Überzeugung, nicht gut genug zu sein, die wir von dem Moment an kaum noch loswerden. Und als wäre das nicht schon genug, wirst du dauernd mit den Erwartungen der Gesellschaft bombardiert, noch bevor du überhaupt irgendwelche Antworten auf all diese Fragen gefunden hast, die in dir brennen. Da sollst du gute Noten schreiben und darüber nachdenken, was du mal beruflich machen willst, während der erste große Liebeskummer dich innerlich auffrisst.

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Eine jede dieser schwerwiegenden Entscheidungen, die du in dem Alter triffst, scheint unumkehrbare Endgültigkeit haben. Du fühlst dich wie der König oder die Königin der Welt und gleichzeitig hast du bei jedem Schritt Angst zu fallen. Auf dem Spielbrett des Lebens wirst du herumgeschoben und sollst für eine Zukunft planen, die du nicht greifen kannst, weil du dich im Jetzt unendlich fühlst. Niemand, wirklich niiiiiemand auf der großen weiten Welt scheint dich zu verstehen, außer deine gleichaltrigen Freunde. Es ist gerade dieses Gefühl der nie dagewesenen Exklusivität, das eine jede Krise noch krisenhafter, einen jeden Lernprozess noch schwerer und alles Gute noch besonderer scheinen lässt. Und irgendwo dazwischen sollst du deinen Weg finden. DEINEN Weg, so als gäbe es nur die eine Einbahnstraße ohne Umkehr- und Abbiegemöglichkeit, die für dich bestimmt ist. Und du sollst JETZT wissen, welche Einbahnstraße das ist.

Der Bus biegt um die Ecke und die Jugendlichen werden für einen Moment noch lauter, weil sich herausstellt, dass das beidhändige Festhalten am Smartphone zwar cool aber doch eher unsicher ist. „Chillt doch mal euer Leben!“, würde ich der aufgebrachten Gruppe im Bus gerne zurufen. Stattdessen schmunzle ich einfach so vor mich hin. Denn woher sollten sie jetzt schon wissen, dass ihre ganz große Freiheit erst noch vor ihnen liegt. Wieder muss ich schmunzeln. Bis dahin dauert es noch eine Weile für sie. Ich bin selbst gerade erst am Anfang. Der Weg bis hierher war wirklich weit. Und die sind doch gerade jetzt erst zugestiegen.

Irgendwie ist das auch ganz gut so. Schließlich müssen wir alle erst herausfinden, wer wir selbst sind und woran wir uns festhalten können. Und um das herauszufinden, experimentieren wir mit den verschiedensten Masken herum, um zu sehen, welche uns denn am besten zu Gesicht steht. Wir lassen uns Fremderwartungen überstülpen und laufen manchmal in total unpassenden Schuhen rum, um irgendwelche Fußstapfen auszufüllen oder total rebellisch vollkommen neue in den Sand zu setzen. Erst die Schule, dann die Ausbildung, immer schön rebellisch angepasst im Takt tanzen und einem Ziel hinterherjagen. Was will ich sein, wenn ich mal wirklich groß und erwachsen bin? Ich wollte immer schon genau wissen, was ich einmal sein werde. Nicht wer, sondern was. Ich wollte immer genau wissen, mit welchem Label ich später mal durch die Welt gehen würde. Und als ich mein Label endlich gefunden hatte, hab ich es vollgas in die Welt hinausgetragen. Und dann? Nachdem jetzt alles erreicht und alle Erwartungen erfüllt waren? Was dann?

Dann merkst du schön langsam, dass du gar nicht soooo einzigartig bist. Und ja, das tut weh. Aber es ist auch unendlich entspannend. Weil du dann zum ersten Mal merkst, dass du jetzt aufhören kannst, dich zu stressen. Du kannst dich jetzt auch mal getrost zurücklehnen. Du stehst auf eigenen Beinen, hast deine Wohnung, deinen Job und vor allem hast du viele unsichere und wacklige Situationen bereits erfolgreich gemeistert. Nachdem du so lange versucht hast zu sein, bemerkst du, dass im Grunde auch das Nicht-Sein zählt. Alles, was du nicht mehr sein willst. Alles, was du nicht mehr sein und beweisen musst.

Meine Güte, wenn ich mich daran erinnere, wie viel Aufregung und Nerven und Energie und Wut und Tränen ich in simple Herausforderungen gesteckt habe. Einfach nur, weil mir die Erfahrung gefehlt hat, dass ich Dinge meistern kann. Oder auch, dass ich manche Dinge gar nicht meistern muss, weil sie eh doof sind. Und das Bewusstsein, dass ich selber darüber entscheiden darf, welche Dinge ich meistern möchte und welche nicht für mich sind. Natürlich hatte ich auch viel Spaß, habe viele verrückte Dinge gemacht und viel gelacht. Aber rückblickend hätte ich einmal mehr lachen können und das eine Mal mehr verrückt sein können. Mit weniger Stress wäre ich irgendwie auch ans Ziel gekommen.

Moment mal, Ziel? Ein paar Haltestellen liegen noch vor mir, bevor ich aussteige.
Ich freue mich einfach im Stillen über all die Freiheit, die mir meine Erfahrungen und die Tatsache, dass ich auf eigenen Beinen mitten im Leben stehe, geschenkt haben. Mit meiner Reise bin ich aber noch lange nicht am Ende, im Gegenteil. Schon bald beginnt für mich eine neue Ausbildung, ein neuer Weg, neue Abenteuer und ein neues Ich, eine neue Richtung, für die ich mich bewusst entschieden habe. Ich steige um, probiere mal eine ganz andere Linie aus. Denn jetzt, nachdem ich alle Pflichten erfüllt habe, wurde es für mich Zeit, auf mein Label zu verzichten. Und endlich, mit fast Mitte dreißig, bekomme ich schön langsam eine Idee davon, WER ich denn nun wirklich sein möchte, wenn ich groß bin.