Im Nachhinein betrachtet ist es nicht einfach, alles auf den einen Punkt zusammenzuführen, den einen bedeutenden Vorfall oder die eine schwere Krise. Hinter mir lagen ein paar Jahre, in denen das eine auf das andere gefolgt war – vieles ist zerbrochen. Mit Leibeskräften habe ich versucht, loszulassen, was nicht zu retten war, und zusammenzuhalten, was ich (noch) nicht loslassen konnte.

Ich verstand nicht, dass ich an einer Hülle festhielt, deren Inneres sich bis zur vollen, totalen, absoluten Leere verändert hatte, sodass auch sie jeden Moment drohte, in sich zu zerfallen. Es hat wahnsinnig viel Kraft gekostet, diese Leere festzuhalten und ich war regelrecht erstarrt in der gekrümmten Position, die mein Körper eingenommen hat, um sich über sie zu stülpen und sie zu schützen. Wenigstens konnte ich in dieser Position nicht aufschauen, um mich damit auseinanderzusetzen, wo ich gerade war. Vor allem aber konnte ich nicht zurückblicken und all jenen Dingen in die Augen schauen, die hinter mir lagen und vor denen ich versucht hatte, zumindest das letzte Bisschen von mir zu retten. 

Was hatte ich nicht alles verloren. Menschen habe ich verloren, die mich von klein auf begleitet hatten und die mein Rückhalt auf dem Weg ins Leben gewesen waren. Ich fühlte mich im Stich gelassen und betrogen. Wenn die Krise losbricht, versucht ein jeder sich auf seine Art zu retten. Jeder läuft in seine eigene Richtung, jeder stolpert über seine eigenen Hindernisse. Aber ich konnte nicht. Ich konnte nicht mehr anders als mich einzumauern, um mich vor weiteren Enttäuschungen zu schützen.

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Also arbeitete ich. Ich habe meinen Fokus auf meine Arbeit gelegt, weil ich allen beweisen wollte, dass ich es doch könnte. Ich bin von einem zum nächsten gelaufen, habe mich verbraucht, nur um da und dort noch einen Auftrag zu bekommen, dies noch zu machen, jenes und dann noch das. Ich war wie eine Jägerin und Sammlerin, die durch den Alltag gehetzt ist von früh bis spät, um all dies nicht mehr spüren zu müssen und mich vor allem nicht mehr damit auseinandersetzen zu müssen, warum ich tat, was ich tat. Die Flucht nach vorne wurde zur Flucht zum Zwecke der bloßen Flucht und ich habe nicht verstanden, dass der Preis dafür ich selbst war. Ich war dauernd in Bewegung, lebte aber ein Leben ohne oben und unten, hinten und vorne, vor allem aber ohne innen. Ich lebte viel, aber ich lebte nur da draußen, im Außen. Allen und mir selbst musste ich beweisen, dass ich es konnte. Und ich konnte es. Ich konnte es so lange, bis ich es nicht mehr konnte.

Ich weiß nicht, wie lange es schon her war, dass ich in den Spiegel blicken und mich selbst darin erkennen konnte. Es war, als wäre ich aus mir selbst in all der Flucht ausgezogen. Weggezogen ohne Nachsendeauftrag. Unauffindbar. Mein Körper selbst war zu der Hülle geworden, in der sich nichts weiter als Leere befand. Eine Leere, die ich versuchte, durch eine immer dicker werdende Schicht im Außen zu schützen. Oder zu verbergen. Und obwohl ich mich nach außen ausdehnte, fühlte ich mich eingeengt. Und so sehr ich es versuchte, wollte es mir einfach nicht gelingen, wieder an dem Punkt anzuknüpfen, an dem ich mich verloren hatte.

So beschloss ich also, dass es Zeit war, zu gehen. Es war Zeit, wieder in mich hineinzugehen. 

Das Vorhaben

Ich hatte zum ersten Mal einen längeren Urlaub über sechs Wochen, in dem ich nichts Besonderes vorhatte. Allein schon, weil ich zu müde war, um irgendetwas Großes zu organisieren.

Ich habe mir aber vorgenommen, jeden Tag zu gehen. Es war nicht das erste Mal in meinem Leben, dass bloßes Gehen mich aus einer Krise geholt hat. Ich erinnere mich daran, in meiner Studienzeit wahnsinnig viel und gerne einfach gegangen zu sein. Mit meiner Musik im Ohr bin ich durch die Straßen gestreift und habe mir selbst dabei geholfen, so manchen Liebeskummer einfach aus mir rauszugehen. Ich wollte dieses Gefühl wieder.  Ich wollte es 30 Tage lang durchziehen, und dabei jeden Tag 10.000 Schritte gehen. Warum 30 Tage lang? Es schien mir einfach plausibel und herausfordernd. Die wichtigere Frage ist: Warum 10.000 Schritte?

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Eine Zahl, die unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation propagiert wird. 10.000 Schritte soll ein Mensch am Tag gehen, um seine körperliche Gesundheit zu verbessern. 10.000 wird dabei als Ziel gesetzt. Im Wesentlichen geht es jedoch darum, aktiver zu werden und sich mehr zu bewegen. Der Richtwert 10.000 steht dabei als Motivationsfaktor im Raum. Gehen stellt dabei die weitaus simpelste Trainingsmethode dar, die auch von Unsportlichen bewältigt und sogar in den Alltag eingebaut werden kann. Ihren Ursprung hat die Idee der 10.000 Schritte im Japan der 60er Jahre, wo der Gedanke eines gesünderen Lebensstils breite Teile der Bevölkerung erreichte und messbare Erfolge brachte, unter anderem in der Bekämpfung von Krankheiten, die auf einen ungesunden Lebensstil zurückzuführen sind, wie etwa Diabetes. Es war zu jener Zeit, dass auch die ersten Schrittezähler erfunden wurden, auf Japanisch Manpo-kei, was nichts anderes als 10.000 Schritte bedeutet.

Schrittezähler, Fitnesstracker – ein Trend, der gerade zu der Zeit Hochkonjunktur feierte. Selbstoptimierung, besser werden, messen, messen, messen… Wollte ich das auch? Mich in die Riga derer einreihen, die ihr Leben von einem unattraktiven Armband messen lassen? Nein, das wollte ich nicht. Ich hatte mein Ziel klar definiert, aber ich wollte auch frei sein dabei und mich nicht von äußeren Begleitfaktoren unter Druck setzen lassen. 

Also habe ich es mir einfacher gemacht und die Zeit gestoppt, die ich für 100 Schritte brauche. Von da aus habe ich hochgerechnet, wie lange ich für 10.000 Schritte gehen muss. 

Es war mir jedoch wichtig, nicht nur für meine körperliche Gesundheit zu gehen. ich wollte dadurch auch meine Seele und meinen Geist reinigen. Also wollte ich bewusst gehen, auf meinen eigenen Rhythmus achten, atmen und dabei meinen Gedanken freien Lauf lassen. Und all die freilaufenden Gedanken habe ich eingefangen und am Ende meines Weges jeden Tag aufgeschrieben. Daraus sind die kleinen Philosophien meines Weges geworden.

Und obwohl ich  einmal im Leben alles nicht so genau gemessen habe, fand ich an jedem einzelnen Tag immer jenen Punkt in mir, an dem ich genug gegangen war…

 

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